Kaum ein Satz fällt in unserer Beratung so oft wie dieser: „Bei uns geht das nicht, wir haben einen Altbau." Dahinter steht eine verbreitete Annahme: Wärmepumpen bräuchten Fußbodenheizung, Dreifachverglasung und eine gedämmte Fassade, sonst würden sie unwirtschaftlich. Die Annahme ist falsch, und es gibt inzwischen belastbare Messdaten dazu.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme hat über vier Jahre 77 Wärmepumpen in Ein- bis Dreifamilienhäusern vermessen. Die Gebäude stammten aus den Baujahren 1826 bis 2001, viele davon nur teilsaniert. Dieser Ratgeber erklärt, was dabei herauskam, woran es wirklich hängt und wie Sie in einer Heizperiode selbst herausfinden, ob Ihr Haus geeignet ist.
Was die Feldstudie zeigt
Die gemessene Größe ist die Jahresarbeitszahl, kurz JAZ. Sie gibt an, wie viele Kilowattstunden Wärme die Anlage über ein ganzes Jahr aus einer Kilowattstunde Strom macht. Eine JAZ von 3,4 bedeutet: Aus einer Kilowattstunde Strom werden 3,4 Kilowattstunden Wärme.
| Bauart | Jahresarbeitszahl im Mittel | Spanne der Einzelanlagen |
|---|---|---|
| Luft-Wasser-Wärmepumpe | 3,4 | 2,6 bis 5,4 |
| Erdreich-Wärmepumpe | 4,3 | deutlich stabiler über das Jahr |
Die Spanne ist das eigentlich Interessante. Zwischen der schlechtesten und der besten Anlage liegt mehr als Faktor zwei, und zwar bei vergleichbaren Gebäuden. Der Unterschied kam nicht vom Baujahr und nicht vom Dämmstandard, sondern von der Auslegung: wie die Anlage dimensioniert, eingestellt und hydraulisch eingebunden wurde.
Das ist eine gute Nachricht, denn es heißt: Was über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, ist planbar. Mehr zur Kennzahl selbst steht im Ratgeber Wirkungsgrad und Jahresarbeitszahl.
Die entscheidende Größe ist die Vorlauftemperatur
Eine Wärmepumpe liefert grundsätzlich jede Temperatur, die eine Gas- oder Ölheizung auch liefert. Der Unterschied ist, dass ihre Effizienz mit steigender Vorlauftemperatur sinkt. Als Faustwert gilt: Je 1 Grad weniger Vorlauf verbessert sich die Jahresarbeitszahl um rund 2,5 Prozent.
| Vorlauftemperatur am kältesten Tag | Erwartbare JAZ (Luft-Wasser) | Einordnung |
|---|---|---|
| 35 °C | 4,2 bis 4,8 | Flächenheizung, meist Neubau |
| 45 °C | 3,6 bis 4,2 | gut ausgelegter Bestand |
| 55 °C | 3,0 bis 3,5 | unsaniert, wirtschaftlich tragfähig |
| 65 °C | 2,3 bis 2,8 | Grenzbereich, vorher nachbessern |
Die Grenze von 55 Grad ist deshalb die gängige Daumenregel: Darunter arbeitet die Wärmepumpe wirtschaftlich, darüber wird es eng. Bemerkenswert ist, dass die Bestandsgebäude im Fraunhofer-Feldtest im Mittel nur rund 44 Grad brauchten, also deutlich weniger als die Faustregel erlaubt.
Der 55-Grad-Test: selbst herausfinden, ob es geht
Sie müssen das nicht theoretisch klären. Mit Ihrer bestehenden Heizung können Sie es messen, kostenlos, und zwar so:
- Warten Sie einen richtig kalten Tag ab, idealerweise unter minus 5 Grad Außentemperatur.
- Stellen Sie die Vorlauftemperatur Ihrer Heizung auf 55 °C. Bei den meisten Reglern heißt die Einstellung Heizkurve oder Vorlauf-Maximaltemperatur.
- Drehen Sie alle Thermostatventile auf Stufe 3, das entspricht etwa 20 Grad Raumtemperatur.
- Warten Sie zwei bis drei Tage und notieren Sie, welche Räume warm werden und welche nicht.
Werden alle Räume warm: Ihr Haus ist ohne weitere Maßnahmen für eine Wärmepumpe geeignet.
Bleiben einzelne Räume kühl: Genau in diesen Räumen ist die Heizfläche zu klein. Ein größerer Heizkörper dort löst das Problem meist vollständig. Es sind fast nie alle Räume betroffen.
Bleibt das ganze Haus kühl: Dann lohnt sich ein genauerer Blick auf Heizlast und Hydraulik, bevor Sie weiterplanen. Das ist der seltenste Fall.
Warum alte Heizkörper besser sind als ihr Ruf
Hier liegt das größte Missverständnis. Heizkörper in Altbauten wurden über Jahrzehnte nach Faustformeln ausgelegt, und zwar großzügig. Dazu kommt: Seit dem Einbau wurden in vielen Häusern Fenster getauscht oder das Dach gedämmt. Die Heizlast ist dadurch gesunken, die Heizkörper sind geblieben. Viele Bestandsgebäude haben deshalb heute deutlich mehr Heizfläche, als sie bräuchten.
Entscheidend ist nicht die Bauart des Heizkörpers, sondern seine Fläche im Verhältnis zur Heizlast des Raums. Ein großer alter Gussradiator unter dem Fenster kann bei 45 Grad Vorlauf mehr leisten als ein knapp bemessener moderner Flachheizkörper.
| Maßnahme | Kosten je Raum | Wirkung auf die Vorlauftemperatur |
|---|---|---|
| Hydraulischer Abgleich (ganzes Haus) | 700 bis 1.200 € | 3 bis 8 °C weniger |
| Heizkörper eine Nummer größer | 400 bis 800 € | 5 bis 10 °C weniger im Raum |
| Heizkörper mit Ventilator (Niedertemperatur) | 700 bis 1.100 € | bis 15 °C weniger im Raum |
| Oberste Geschossdecke dämmen | 2.000 bis 5.000 € | 2 bis 5 °C weniger |
| Fassadendämmung | 25.000 bis 60.000 € | 5 bis 12 °C weniger |
Die Tabelle erklärt, warum wir im Bestand fast immer von unten nach oben vorgehen: Abgleich und einzelne Heizkörper bringen pro eingesetztem Euro ein Vielfaches dessen, was eine Fassadendämmung bringt. Die Dämmung ist nicht falsch, sie ist nur selten der erste Schritt.
Heizlast berechnen statt schätzen
Der häufigste Auslegungsfehler im Bestand ist eine zu groß gewählte Wärmepumpe. Sie taktet dann, schaltet also ständig ein und aus, was Effizienz und Lebensdauer kostet. Ursache ist meist eine Schätzung über Quadratmeter statt einer Berechnung.
Zwei Verfahren sind üblich:
- Verbrauchsmethode: Aus dem Gas- oder Ölverbrauch der letzten drei Jahre lässt sich die Heizlast zuverlässig ableiten. Schnell, kostenlos und für Bestandsgebäude meist genau genug.
- Raumweise Berechnung nach DIN EN 12831: Jeder Raum wird einzeln betrachtet. Aufwendiger, aber nötig, wenn Heizkörper getauscht oder Räume unterschiedlich genutzt werden.
Faustformeln wie „120 bis 180 Watt je Quadratmeter im unsanierten Altbau" sind als erste Orientierung brauchbar, als Auslegungsgrundlage nicht. Der Unterschied zwischen 9 und 12 Kilowatt Nennleistung entscheidet über mehrere tausend Euro Anschaffungskosten und über die Betriebskosten der nächsten zwanzig Jahre.
Was eine Wärmepumpe im Altbau kostet
Die Investition liegt im Bestand höher als im Neubau, weil fast immer Arbeiten am Verteilsystem dazukommen.
| Position | Kosten |
|---|---|
| Luft-Wasser-Wärmepumpe 9 bis 12 kW | 14.000 bis 20.000 € |
| Installation, Hydraulik, Inbetriebnahme | 8.000 bis 13.000 € |
| Pufferspeicher und Warmwasserspeicher | 2.000 bis 4.000 € |
| Hydraulischer Abgleich | 700 bis 1.200 € |
| Heizkörpertausch in zwei bis vier Räumen | 800 bis 3.000 € |
| Demontage und Entsorgung der Altanlage | 500 bis 1.500 € |
| Summe im Bestand | 26.000 bis 42.700 € |
Typisch sind 25.000 bis 38.000 Euro. Davon geht die Förderung ab: Die KfW bezuschusst den Heizungstausch im Programm 458 mit bis zu 70 Prozent, maximal 21.000 Euro bei förderfähigen Kosten bis 30.000 Euro für die erste Wohneinheit. Welche Boni Ihnen zustehen und warum der Antrag vor Vertragsabschluss gestellt werden muss, steht im Ratgeber Wärmepumpe Förderung 2026. Eine Übersicht aller Positionen finden Sie unter Wärmepumpe Kosten 2026.
Rechenbeispiel: 32.000 Euro Investition, 65 Prozent Förderung, also 20.800 Euro Zuschuss. Es bleiben 11.200 Euro Eigenanteil.
Was sie im Betrieb kostet
Hier entscheidet sich, ob sich das Ganze trägt. Bei einer Jahresarbeitszahl von 3,4 und einem Wärmepumpentarif von rund 27 Cent je Kilowattstunde kostet eine Kilowattstunde Nutzwärme etwa 8 Cent.
| Heizung | Kosten je kWh Nutzwärme 2026 | 20.000 kWh Wärmebedarf |
|---|---|---|
| Heizöl, Brennwertkessel | ca. 14,0 ct | ca. 2.800 € |
| Erdgas, Brennwertkessel | ca. 11,1 ct | ca. 2.220 € |
| Wärmepumpe im Altbau, JAZ 3,4 | ca. 8,0 ct | ca. 1.600 € |
| Wärmepumpe mit JAZ 4,0 | ca. 7,0 ct | ca. 1.400 € |
Selbst im unsanierten Bestand liegt die Wärmepumpe damit deutlich unter Öl und Gas. Und der Abstand wächst: Der CO₂-Preis auf fossile Brennstoffe steigt weiter, ab 2027 über den europäischen Emissionshandel ETS 2. Wie sich das auf den Heizölpreis auswirkt, haben wir im Ratgeber Ölpreis Deutschland 2026 mit aktuellen Zahlen durchgerechnet.
Strompreis senken: Wärmepumpentarif, §14a und Photovoltaik
Drei Hebel machen die Wärmepumpe im Bestand deutlich günstiger:
- Wärmepumpentarif: Mit separatem Zähler zahlen Sie rund 5 bis 8 Cent weniger je Kilowattstunde als im Haushaltstarif.
- § 14a EnWG: Wer der Netzbetreiber-Steuerung zustimmt, bekommt ein reduziertes Netzentgelt. In der Praxis wird fast nie gedrosselt, weil die Regelung an die seltenen Netzengpässe gebunden ist.
- Eigene Photovoltaik: Jede selbst erzeugte Kilowattstunde ersetzt zugekauften Strom. Im Winter liefert die Anlage weniger, deckt aber Übergangszeit und Warmwasser spürbar ab.
Richtig stark wird die Kombination, wenn ein Energiemanager den Wärmepumpenbetrieb in die günstigen Stunden legt, also bei Solarüberschuss oder niedrigem Börsenpreis. Wie das funktioniert, zeigt der Ratgeber Wärmepumpe smart steuern; unser System dazu heißt solar0.Flow.
Wann es im Altbau wirklich eng wird
Ehrlichkeit gehört dazu: Es gibt Fälle, in denen wir abraten oder zuerst andere Maßnahmen empfehlen.
- Einrohrheizung ohne Umbaumöglichkeit. Hier teilen sich alle Heizkörper einen Kreis, die hinteren bekommen nur noch abgekühltes Wasser. Lösbar, aber aufwendig.
- Dauerhafte Vorlauftemperatur über 60 Grad trotz Abgleich und größerer Heizkörper.
- Sehr hohe Heizlast über etwa 20 Kilowatt bei gleichzeitig schwieriger Aufstellsituation.
- Kein geeigneter Aufstellort für das Außengerät wegen Schallschutzvorgaben zur Nachbargrenze.
- Anstehende Dachsanierung. Dann erst dämmen, danach die Heizlast neu bestimmen und die Wärmepumpe kleiner auslegen.
In diesen Fällen ist eine Hybridlösung oder eine zeitlich gestaffelte Sanierung oft sinnvoller als ein sofortiger Komplettumstieg.
So gehen wir im Bestand vor
- Verbrauchsdaten auswerten. Drei Jahre Gas- oder Ölverbrauch ergeben die reale Heizlast, ohne Schätzung.
- Vor-Ort-Termin. Wir messen Heizkörper auf, prüfen Hydraulik, Schornstein, Elektroanschluss und den Aufstellort samt Schallsituation.
- Vorlauftemperatur bestimmen. Entweder über Ihren eigenen 55-Grad-Test oder über die raumweise Berechnung.
- Auslegung und Angebot. Gerätegröße, nötige Heizkörper, Abgleich, Speicher, alles zum Festpreis.
- Förderantrag. Wir stellen ihn vor Vertragsabschluss, der Vertrag erhält eine aufschiebende Bedingung.
- Einbau und Einregulierung. Zwei bis vier Tage. Die Feinjustierung der Heizkurve erfolgt in der ersten Heizperiode, denn genau daran hängt die Jahresarbeitszahl.
Fazit
Der Altbau ist kein Ausschlusskriterium. Die Messdaten aus vier Jahren Feldtest in Gebäuden ab Baujahr 1826 zeigen, dass Luft-Wasser-Wärmepumpen dort im Mittel eine Jahresarbeitszahl von 3,4 erreichen und damit klar günstiger heizen als Öl oder Gas. Was wirklich zählt, ist die Vorlauftemperatur, und die lässt sich fast immer mit überschaubarem Aufwand senken: hydraulischer Abgleich, einzelne größere Heizkörper, saubere Auslegung.
Den entscheidenden Test können Sie diesen Winter selbst machen. Stellen Sie Ihre Heizung auf 55 Grad und schauen Sie, was passiert. Wenn alle Räume warm werden, ist die Frage beantwortet.
Ob Ihr Haus geeignet ist, prüfen wir im kostenlosen Check. Alle Produktdetails finden Sie auf der Seite Wärmepumpe, und was am Ende übrig bleibt, rechnet der Förder-Check aus.


